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Zwischen Blümchenkleid und rechten Ideologien: Tradwives und Ur-Faschismus

// Friederike Baumeister

Das Tradwives-Phänomen

In den vergangenen Jahren hat sich in den sozialen Netzwerken ein Trend etabliert, der unter dem Schlagwort „Tradwives“ bekannt ist. Gemeint sind meist junge Frauen, die auf Plattformen wie Instagram ein bewusst traditionelles Rollenmodell inszenieren.[1] In ihren Beiträgen zeigen sie sich als Ehefrauen und Mütter, die sich vollständig dem Haushalt, der Kinderbetreuung und der Fürsorge für ihren Partner widmen, während dieser die finanzielle Verantwortung übernimmt. Dieses Modell greift eine klassische, heteronormative Aufgabenteilung auf, in der weibliche Identität stark mit Familie und Reproduktion verknüpft wird.[2]

In der Social Media Darstellung wird mit visuellen Codes wie Naturverbundenheit, ländlicher Idylle, bestimmten Kleidungsstilen oder nostalgischen Ästhetiken gearbeitet. Diese Bilder transportieren Botschaften, ohne explizit politisch zu wirken – und genau darin liegt ihre Wirkungskraft.[3] Solche Inszenierungen zeigen dementsprechend nicht nur private Lebensentscheidungen, sondern bieten auch ideologische Anknüpfungspunkte. Häufig werden Verbindungen zu antifeministischen Positionen oder neurechten Narrativen in den Inhalten gefunden. Die scheinbar unpolitische Ästhetik kann dabei als Brücke dienen, über die traditionelle Rollenbilder und gesellschaftspolitische Vorstellungen normalisiert werden.[2]

Gerade für die politische Jugendbildung ist dieser Trend relevant: Soziale Medien prägen die Meinungsbildung junger Menschen – besonders dann, wenn Influencer*innen über längere Zeit verfolgt werden. Durch parasoziale Beziehungen entsteht eine emotionale Nähe, die dazu führen kann, dass Werte und Weltbilder leichter übernommen werden. Plattformen wie Instagram oder TikTok ermöglichen hierbei nicht nur die schnelle Verbreitung von Bildern und Videos, sondern auch den Aufbau enger Communities – etwa über Hashtags wie #Tradwife. Begünstigt wird die Meinungsbildung durch Algorithmen: Wer einmal ähnliche Inhalte konsumiert, bekommt immer mehr davon angezeigt und kann in eine Art Radikalisierungstunnel geraten.[3] Hinzu kommt, dass weit über die Hälfte aller Jugendlichen soziale Medien nutzen und 30-40 % ihr Wissen über das aktuelle Weltgeschehen ebenso darüber beziehen.[4] Die beschriebenen Entwicklungen spiegeln sich außerdem auch im Wahlverhalten junger Menschen wider: Laut der Studie Jugend in Deutschland 2024 würden rund 22 % der Erstwählenden die AfD wählen – zwei Jahre zuvor lag dieser Anteil noch bei 9 %. Als ein möglicher Einflussfaktor wird dabei die starke Präsenz rechtsextremer Akteur*innen in sozialen Medien diskutiert, zu denen auch die Tradwives gehören können, über die gezielt Einfluss auf die politische Meinungsbildung junger Menschen genommen werden kann.[3]

Verbindung der Tradwives zum Ur-Faschismus von Umberto Eco

Um die politischen Dimensionen solcher Online-Trends besser einordnen zu können, bietet sich ein Blick auf den Ur-Faschismus von Umberto Eco an. Er beschreibt mehrere wiederkehrende Muster, die explizit nicht nur in historischen Regimen auftreten, sondern auch in aktuellen gesellschaftlichen Diskursen sichtbar werden können.[5]

Dazu zählt unter anderem ein starker Bezug zu Traditionen sowie die Ablehnung von Modernität und kritischem Denken als auch ein gewisses Misstrauen gegenüber intellektuellen Debatten. Häufig geht damit auch eine geringe Toleranz für Widerspruch einher: Kritik wird zurückgewiesen, Vielfalt als Bedrohung wahrgenommen und eine homogene Gemeinschaft idealisiert. Eco betont außerdem, dass solche Denkmuster oft an gesellschaftliche Frustrationen anknüpfen. Ängste vor sozialem Abstieg oder vor dem sogenannten Anderen können genutzt werden, um Feindbilder und Verschwörungserzählungen zu verbreiten. Diese stärken nationalistische Vorstellungen, womit wiederum der Militarismus gefördert wird. Weitere Merkmale sind ein überhöhtes Elitedenken der Gemeinschaft, die Glorifizierung von Stärke und Heldentum sowie starre Geschlechterrollen, die mit der Abwertung nicht-heteronormativer Lebensweisen verbunden sind. Ergänzt wird dies durch populistische Strategien, bei denen demokratische Institutionen infrage gestellt werden.

Ausführliche Auseinandersetzung in der Bachelorarbeit

Die dargestellten theoretischen Konstrukte zu den Merkmalen des Ur-Faschismus sowie zur Lebensweise der Tradwives bilden die Grundlagen meiner Bachelorarbeit. Ausgangspunkt ist die Frage, inwiefern sich Ecos Konzept auf Tradwife Instagram-Accounts anwenden lässt. Die Auswertung zeigt: Einige von Ecos beschriebenen Merkmalen lassen sich wiederfinden – etwa eine starke Traditionsorientierung, Skepsis gegenüber modernen gesellschaftlichen Entwicklungen, Abwertung bestimmter Gruppen oder die Verbreitung vereinfachter Erklärungen für gesellschaftliche Missstände. Gleichzeitig zeigt die Analyse auch Grenzen der Übertragbarkeit auf. Mehrere Merkmale, etwa die Glorifizierung von Krieg oder ein ausgeprägter Nationalismus können in den untersuchten Accounts nicht festgestellt werden.

Eine zentrale These von Umberto Eco lautet, dass bereits ein Merkmal ausreicht „damit der Faschismus einen Kristallisationspunkt hat, um den herum er sich bilden kann“ (Eco, 2020, S. 30).

Somit wäre dieser Kristallisationspunkt in der Lebensweise der Tradwives gegeben.

Die Analyse zeigt, dass bestimmte Ästhetiken in den sozialen Medien Anschlussstellen zu rechten Ideologien bieten können – und unterstreicht damit die Bedeutung einer kritischen Auseinandersetzung mit derartigen Inhalten in der politischen Jugendbildung.

Aktuelle Veranstaltungen zu dem Thema:

Online: 02. Juni 2026, 10:00 Uhr - 13:30 Uhr: Von Tradwives, der Manosphere und roten Pillen – Digitale Geschlechterangebote und ihr gefährliches Potenzial

https://www.haus-wasserburg.de/veranstaltungen/von-tradwives.html?id=1

Berlin: 20. August 2026, 10:00–15:00 Uhr: Tradwives & Manfluencer: Antifeministischen Trends begegnen

https://www.lnbe.berlin/veranstaltung/tradwives-manfluencer-antifeministischen-trends-begegnen/

Online/Saarbrücken: 07. Mai 2026, 19 Uhr: Tradwives und Strongmen

https://frauengenderbibliothek-saar.de/blog/vortrag-tradwives-und-strongmen-gabriele-dietze-7-5-2026/

 

 

[1] Kleen, H. (2021). Geständnisse einer Teilzeitfeministin: Mein Verstand ist willig, aber der Alltag macht mich schwach. rowohlt e-Book. http://epub.sub.uni-hamburg.de/epub/volltexte/einzelplatz/2021/127392/

[2] Rösch, V. (2025). TradWives: Antifeminismus und die Ikonisierung von Provinzialität in den sozialen Medien. In J. Niendorf, F. Kalkstein, H. Rodemerk & C. Höcker (Hrsg.), Antifeminismus und Provinzialität (S. 193–212). transcript Verlag.

[3] Schnabel, D. & Berendsen, E. (2024). Das TikTok-Universum der (extremen) Rechten: Trends, Strategien und Ästhetik in der Social-Media-Kommunikation. Report #RechteJugend.

[4] Feierabend, S., Rathgeb, T., Kheredmand, H. & Glöckler, S. (2023). JIM 2023: Jugend, Information, Medien. Jugend, Information, Medien (Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland).

[5] Eco, U. (2020). Der ewige Faschismus (B. Kroeber, Übers.). Carl Hanser Verlag.


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