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Unsichtbare Dialoge

Warum personalisierte KI-Begleiter die Bildungsarbeit vor grundlegend neue Aufgaben stellen

// Johannes Kemnitz

Während einige Organisationen sich erst langsam von Facebook lösen, wartet schon die nächste Herausforderung auf die politische Bildung: AI Companions. Lasst uns also darüber sprechen was das ist und wie wir mit ihnen umgehen sollten.

AI Companions sind digitale Begleiter auf Basis von Künstlicher Intelligenz. Sie treten als Chatpartner, Freund:in oder sogar als eine Art Coach auf. Anwendungen wie Replika oder Character.AI zeigen, wie weit diese Entwicklung bereits ist: Die Systeme reagieren individuell, lernen aus Gesprächen und passen sich Sprache, Interessen und emotionalen Bedürfnissen an. Für viele Jugendliche sind sie deshalb nicht einfach ein weiteres digitales Werkzeug, sondern eine dauerhafte Gesprächsinstanz im Alltag. Studien zeigen, dass KI für junge Menschen längst selbstverständlich ist – nicht nur für Schule und Recherche, sondern auch als Ratgeber oder Gesprächspartner für persönliche Themen.

Was AI Companions für die politische Jugendbildung bedeuten

Für die politische Jugendbildung markiert das einen Bruch. In sozialen Netzwerken wie Instagram oder TikTok konnten wir zumindest ansatzweise nachvollziehen, welche Inhalte Jugendliche sehen und welche Diskurse sie prägen. Diese Öffentlichkeit, so problematisch sie war, bot Anknüpfungspunkte. Wir konnten sehen was gerade trendet, konnten gemeinsam Inhalte analysiert, Positionen diskutiert und die dahinterliegenden Mechanismen sichtbar machen. AI Companions entziehen sich dieser Logik. Die Interaktion ist privat, personalisiert und für Außenstehende unsichtbar. Damit entsteht eine neue Situation: Wir wissen immer weniger darüber, in welchen „kommunikativen Welten“ sich Jugendliche bewegen.

Wichtig ist jedoch: Jugendliche nutzen KI nicht nur als „Freund:in“, sondern auch um an Informationen zu kommen, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassn und natürlich zur Unterhaltung. Sie entwickeln eigene Figuren, probieren Rollen aus oder nutzen Chatbots zur emotionalen Entlastung. Das erweitert Handlungsspielräume. Es verändert aber auch, wie Beziehung erlebt wird.

Hier setzt eine zentrale Verschiebung an. AI Companions sind jederzeit verfügbar, reagieren verständnisvoll und widersprechen selten. Genau das macht sie attraktiv. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass sich daraus parasoziale Beziehungen (merkt euch diesen Fachbegriff, das werden wir bald öfter hören) entwickeln können: Jugendliche fühlen sich verstanden, sprechen der KI Vertrauen zu und bauen emotionale Bindungen auf.

Lernbuddy, Kummerkasten, Herzensmensch? Parasoziale Beziehungen und Wirkmechanismen von KI-Chatbots im Leben Jugendlicher beschreibt, dass diese Systeme gezielt validieren, loben und emotionale Bedürfnisse ansprechen – und damit Beziehung simulieren. Das kann entlasten, etwa in Momenten von Stress oder Einsamkeit. Es kann aber auch dazu führen, dass sich eine Gewöhnung an „perfekte“ Kommunikation entwickelt, die reale Beziehungen kaum leisten können. Widerspruch, Irritation und Aushandlung – zentrale Elemente sozialer Erfahrung – treten in den Hintergrund.

Diese Dynamik trifft auf eine gesellschaftliche Entwicklung, in der Einsamkeit ohnehin zunimmt. Sozial eingebunden, trotzdem einsam? verweist darauf, dass sich viele junge Menschen trotz sozialer Einbindung einsam fühlen. AI Companions können hier kurzfristig entlasten. Langfristig bleibt jedoch offen, ob sie Einsamkeit reduzieren oder eher verstärken, indem sie zwischenmenschliche Kontakte ersetzen oder verändern.

Hinzu kommt eine zweite Verschiebung: Vertrauen. AI Companions wirken oft empathisch, strukturiert und kompetent. Genau diese Kombination führt dazu, dass ihnen eine hohe epistemische Autorität zugeschrieben wird – also die Rolle einer verlässlichen Wissensquelle.Die BzKJ zeigt auf, dass Jugendliche KI auch dann Vertrauen schenken, wenn sie Inhalte nicht vollständig verstehen. Damit entsteht eine neue Form von Autorität, die weder transparent noch leicht überprüfbar ist. Gleichzeitig überprüfen viele Jugendliche Informationen kaum oder gar nicht. Das verschiebt die Frage, wer Deutungen von Welt und Politik prägt.

Das berührt die Fähigkeit, in einer pluralen Gesellschaft zu leben. Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und ausgehandelt werden. AI Companions hingegen sind darauf ausgelegt, sich anzupassen und Zustimmung zu erzeugen. Die Erfahrung von Ambiguität und Widerspruch kann dadurch seltener werden. Das führt nicht automatisch zu extremen Positionen, kann aber die Bereitschaft zum Kompromiss schwächen.

Gleichzeitig wäre es zu kurz gegriffen, AI Companions nur als Risiko zu betrachten. Studien zeigen auch, dass Jugendliche sie nutzen, um Gespräche vorzubereiten, Konflikte zu reflektieren oder kreative Prozesse anzustoßen. Wenig überraschend ist also nicht die Technologie selbst das Problem sondern vielmehr auf welche Art die Gesellschaft sie nutzen wird.

Die nächste Zeit wird zeigen, wie schnell AI Companions - vor allem in unseren Smartphones - von einem Extrafeature zu einer Basisfunktion werden.

 

Infografik zur Studie „KI-Chatbots als Alltagsbegleiter für Jugendliche“ 2026 (Saferinternet.at, studioback.at) Grafik: cc-by-nc Saferinternet.at, studioback.at

Was können wir tun?

Die politische Jugendbildung darf deswegen nicht in ein altes Muster verfallen und AI Companions als grundsätzlich problematisch identifizieren. Wir müssen damit einen aufgeschlossen-kritischen Umgang finden. Drei Ansatzpunkte erscheinen dabei besonders relevant.

Erstens braucht es Räume, in denen die Nutzung von AI Companions thematisiert werden kann, ohne sie zu bewerten. Jugendliche sollten die Möglichkeit haben, ihre Erfahrungen zu reflektieren: Wann ist ein AI Companion hilfreich? Wann ersetzt er Gespräche mit anderen? Welche Unterschiede erleben sie zwischen menschlicher und maschineller Kommunikation?

Zweitens sollte stärker an der Fähigkeit gearbeitet werden, Systeme zu hinterfragen. Es geht weniger um technische Details als um grundlegende Fragen: Wer hat dieses System entwickelt? Welche Interessen könnten dahinterstehen? Warum reagiert die KI so, wie sie reagiert? Solche Fragen fördern ein kritisches Verständnis, ohne die Nutzung pauschal abzuwerten.

Drittens braucht es gezielte Erfahrungsräume für Widerspruch und Aushandlung. Wenn digitale Umgebungen zunehmend auf Bestätigung ausgerichtet sind, wird es umso wichtiger, im Seminar bewusst Situationen zu schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und ausgehandelt werden müssen. Das kann durch Rollenspiele, moderierte Diskussionen oder gezielte Irritationen geschehen. Ziel ist nicht, Konsens zu erzwingen, sondern die Erfahrung zu ermöglichen, dass Differenz produktiv sein kann.

 

AI Companions verändern nicht nur Mediennutzung, sondern sie greifen in grundlegende soziale Erfahrungen ein. Für die politische Jugendbildung entsteht die Aufgabe, diese Veränderung nicht nur zu beobachten, sondern aktiv pädagogisch zu bearbeiten. Die zentrale Frage bleibt dabei: Wie können wir Jugendliche dabei unterstützen, auch in zunehmend personalisierten digitalen Umgebungen dialogfähig und demokratisch handlungsfähig zu bleiben?

 

weitere Infos


Text: KI als Vertraute: Chancen und Risiken parasozialer Beziehungen mit Chatbots (BzKJ)

Text: Lernbuddy, Kummerkasten, Herzensmensch? Parasoziale Beziehungen und Wirkmechanismen von KI-Chatbots im Leben Jugendlicher (BzKJ)

Text: Sozial eingebunden, trotzdem einsam? (bpb)

Text: How do teens really use AI companions? With more creativity than you might think (The Conversation)

Text: Teens Are Becoming Concerned About Their Attachment to AI Chatbots (Drexel News)

Podcast: Move fast & Break Hearts (undone)

Zusammenfassung: Neue Studie: KI-Chatbots als Alltagsbegleiter für Jugendliche (SaferInterent.at)

Meinung: Warum Politik und Eltern bei KI-Companions endlich aufwachen müssen (Tagesspiegel)

 

Studien

AID:A II - Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten

JIM-Studie 2025

AI Companions

Replika

Character.AI

 


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