Big Tech, Big Mess
Jahrbuch der Evangelischen Trägergruppe
Mit dem Jahrbuch „Big Tech, Big Mess – Politische Medienbildung für eine demokratische Digitalisierung“ liefert die Evangelische Trägergruppe eine wichtigen Debattenbeitrag für die politische Jugendbildung in der aktuellen Debatte um digitale Öffentlichkeiten.
Das Jahrbuch bündelt Analysen, Praxisbeispiele und Positionierungen, die eines deutlich machen: Digitale Räume sind längst politische Räume – und politische Bildung kann sich ihrer Gestaltung nicht entziehen.
undemokratisches Netz?
Ausgehend von der Diagnose eines „undemokratischen Netzes“ beschreibt das Jahrbuch die strukturellen Probleme digitaler Plattformen. Algorithmen, Aufmerksamkeitsökonomie und werbebasierte Geschäftsmodelle prägen, welche Themen sichtbar werden, welche Stimmen dominieren und welche Diskurse sich verengen. Mehrere Beiträge zeigen, wie sich dadurch Wahrnehmungen verschieben und wie schnell polarisierte oder extrem zugespitzte Inhalte zur scheinbaren Norm werden. Für Multiplikator:innen ist das ein zentraler Befund: Medienkompetenz reicht nicht mehr aus, wenn sie sich auf individuelles Verhalten beschränkt. Es braucht eine politische Medienbildung, die Machtverhältnisse, ökonomische Interessen und gesellschaftliche Folgen konsequent mitdenkt.
Besonders gewinnbringend ist der praxisnahe Zugriff des Jahrbuchs. In den Beiträgen wird deutlich, wie politische Medienbildung an der Lebenswelt junger Menschen ansetzen kann – etwa durch Game-based Learning, durch die Auseinandersetzung mit popkulturellen Ästhetiken auf Social Media oder durch spielerische Methoden wie Prompt Battles, um Künstliche Intelligenz erfahrbar zu machen. Gleichzeitig werden die Grenzen dieser Ansätze offen benannt: Repräsentanz, emotionale Überforderung oder unbeabsichtigte Effekte sind reale Herausforderungen, die pädagogisch reflektiert werden müssen.
Should I stay or should I go?
Ein wiederkehrendes Motiv ist das Spannungsfeld zwischen Rückzug und Gestaltung. Beiträge wie „Should I stay or should I go?“ machen das Dilemma deutlich, vor dem viele Nutzer:innen stehen: Plattformen zu verlassen kann eine individuelle Schutzstrategie sein, löst aber keine strukturellen Probleme. Das Jahrbuch plädiert deshalb klar für eine politische Medienbildung, die Jugendliche nicht nur zur kritischen Nutzung befähigt, sondern sie als aktive Mitgestalter:innen digitaler Räume ernst nimmt. Offenere Plattformen, alternative Tools und demokratische Aushandlungsprozesse werden dabei nicht als Utopie, sondern als pädagogische Aufgabe verstanden.
Für Multiplikator:innen in der politischen Jugendbildung bietet das Jahrbuch vor allem eines: Orientierung. Es verbindet Analyse und Praxis, ohne einfache Lösungen zu versprechen. Stattdessen lädt es dazu ein, digitale Trends neugierig, kritisch und politisch zu lesen und daraus Bildungsangebote zu entwickeln, die Teilhabe stärken, Widersprüche aushalten und demokratische Handlungsspielräume sichtbar machen. Gerade in Zeiten, in denen über Verbote, Rückzug oder Regulierung digitaler Kommunikation diskutiert wird, liefert das Jahrbuch wichtige Argumente dafür, warum politische Bildung im digitalen Raum nicht weniger, sondern mehr Präsenz braucht.
hier geht es zur Publikation. Diese kann bestellt werden, steht aber auch zum konstenlosen Download bereit: