Alle tanzten zum selben Beat
historisch-politische Bildung aus der Subkultur
Was erzählen ehemalige Clubs, leer stehende Gebäude und alte Veranstaltungsorte über die Geschichte einer Stadt? Das Projekt „Alle tanzten zum selben Beat“ lädt dazu ein, die Erfurter Techno-Szene der 1990er- und frühen 2000er-Jahre zu erkunden.
Im Mittelpunkt steht damit ein ungewöhnliches Kapitel der Zeitgeschichte: die Entstehung einer Subkultur während und nach der Wendezeit in einer mittelgroßen ostdeutschen Stadt. Der Blick richtet sich nicht auf Parlamente, Parteien oder große politische Ereignisse. Stattdessen geht es um Musik, Jugendkultur, selbst geschaffene Freiräume und neue Formen des Zusammenlebens.
Geschichte dort entdecken, wo sie stattgefunden hat
Der digitale Rundgang führt zu prägenden Orten der damaligen Erfurter Techno- und Clubszene. Bilder, Flyer, Musik und Berichte von Zeitzeug:innen vermitteln Eindrücke davon, wie junge Menschen die Umbruchzeit erlebten und gestalteten.
Die Clubkultur erscheint dabei nicht nur als Freizeitvergnügen. Sie erzählt auch von gesellschaftlicher Veränderung. Nach 1989 entstanden neue Freiräume. Junge Menschen eigneten sich Orte an, organisierten Veranstaltungen und entwickelten eigene kulturelle Ausdrucksformen.
Der Rundgang macht sichtbar, dass politische Geschichte auch in Kellern, Clubs, leer stehenden Gebäuden und auf Tanzflächen stattfindet. Er stellt Fragen, die über die Erfurter Technoszene hinausreichen:
- Wie entstehen Freiräume?
- Wer darf eine Stadt und ihre Kultur mitgestalten?
- Wie erleben junge Menschen gesellschaftliche Umbrüche?
- Welche Erinnerungen werden Teil der Stadtgeschichte und welche bleiben lange unsichtbar?
Was ist ein Actionbound?
Ein Actionbound ist eine digitale und interaktive Tour für Smartphones oder Tablets. Das Prinzip ähnelt einer multimedialen Schnitzeljagd. Die Teilnehmenden bewegen sich zwischen verschiedenen Stationen und erhalten dort Informationen, Bilder, Videos, Tonaufnahmen, Fragen oder Aufgaben.
Die Verbindung von digitalen Medien und realen Orten macht Geschichte unmittelbar erfahrbar. Die Nutzer:innen lesen nicht nur über frühere Treffpunkte. Sie stehen an den Orten, hören Stimmen und Musik und können die heutige Umgebung mit historischen Bildern und Erinnerungen vergleichen.
Selbstbestimmt und flexibel lernen
Eine besondere Stärke des Angebots liegt in seiner offenen Form. Der Actionbound kann weitgehend selbstständig genutzt werden. Die Teilnehmenden entscheiden, wann sie starten, in welchem Tempo sie sich bewegen und wie intensiv sie sich mit den einzelnen Stationen beschäftigen.
Damit unterscheidet sich das Angebot von klassischen Führungen oder Seminaren. Es braucht keine feste Gruppe und keine Person, die den gesamten Lernprozess anleitet. Einzelpersonen und kleine Gruppen können die Tour autonom durchführen und eigene Zugänge zum Thema entwickeln.
Gerade für die politische Jugendbildung ist das interessant. Das Format verbindet Bewegung, Mediennutzung, Stadtgeschichte und persönliche Entdeckungen. Es eröffnet einen niedrigschwelligen Zugang zu historisch-politischen Fragen und überlässt den Lernenden viel Verantwortung für den eigenen Weg.
Obwohl sich das Angebot mit der Erfurter Techno-Geschichte beschäftigt, kann es auch unabhängig vom Ort genutzt werden. Der Actionbound ist weniger als klassische Stadtrallye angelegt, sondern eher als leicht interaktive Dokumentation. Die Nutzer:innen können die Inhalte, Bilder, Musik und Zeitzeug:innenberichte auch von zu Hause, im Seminarraum oder an einem anderen Ort aufrufen. So eignet sich das Angebot ebenso für die individuelle Beschäftigung wie für den Einsatz in Bildungsformaten außerhalb Erfurts.
Politische Bildung jenseits der großen Erzählungen
„Alle tanzten zum selben Beat“ zeigt, dass historisch-politische Bildung auch Themen aufgreifen kann, die in Schulbüchern und Ausstellungen selten vorkommen. Die Geschichte der Erfurter Technoszene eröffnet einen Zugang zur deutschen Einheit aus der Perspektive von Alltag, Jugend und Subkultur.
Das Projekt nimmt die Erfahrungen der Menschen ernst, die diese Zeit vor Ort geprägt haben. Es erweitert den Blick auf die Wende- und Transformationszeit und macht deutlich: Gesellschaftlicher Wandel zeigt sich nicht nur in politischen Entscheidungen. Er zeigt sich auch darin, wie Menschen Räume nutzen, Gemeinschaften bilden und neue Formen kultureller Freiheit erproben.
Das Projekt wurde durch den Kinder- und Jugendplan des Bundes und die Stadt Erfurt gefördert.
Hier gehts zum Angebot: Alle tanzten zum selben Beat (Link führt zum Actionbound)
weitere Informationen bei Arbeit und Leben Thüringen