Zum Hauptinhalt springen

Allyship am Arbeitsplatz – Solidarisch handeln, demokratisch gestalten

Seminarkonzept Arbeit und Leben Rheinland-Pfalz

// Christoph Feick

Ausgangspunkt des Seminars war die Annahme, dass Arbeitswelt nicht als neutraler Raum verstanden werden kann, sondern immer auch von Machtverhältnissen, Normen und gesellschaftlichen Ungleichheiten geprägt ist.

Zu Beginn stand ein eher offener Zugang über die Erfahrungen der Teilnehmenden selbst: Sie konnten eigene Erwartungen, Unsicherheiten und erste Arbeitserfahrungen einbringen. Darauf aufbauend wurde die Arbeitswelt als politischer Raum erschlossen – also als ein Feld, in dem Aushandlungsprozesse stattfinden und Fragen von Mitbestimmung, Zugehörigkeit und Gerechtigkeit konkret werden.

Ein inhaltlicher Schwerpunkt lag auf der Auseinandersetzung mit Diskriminierung und Privilegien. Dabei ging es nicht nur um einzelne Vorfälle, sondern insbesondere um strukturelle Dimensionen und unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Daran anschließend wurde mit dem Konzept des „Allyship“ eine mögliche Form solidarischen Handelns eingeführt und gemeinsam kritisch eingeordnet.

Im letzten Teil des Seminars verschob sich der Fokus stärker auf Handlungsmöglichkeiten: Die Teilnehmenden setzten sich mit konkreten Dilemmata auseinander, diskutierten Risiken und Grenzen von Interventionen und erarbeiteten eigene Strategien für den Umgang mit herausfordernden Situationen im Arbeitskontext. Der Abschluss zielte auf eine bewusste Transferleistung in den Alltag.

Zielgruppe

Das Seminar richtete sich an Jugendliche und junge Erwachsene (ca. 16–26 Jahre), die sich in unterschiedlichen Übergangsphasen befinden – Ausbildung, Studium oder Berufseinstieg.

Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Praxis

Im Verlauf des Seminars wurde deutlich, dass die starke Orientierung an der Lebenswelt der Teilnehmenden gut trägt. Viele konnten relativ schnell an eigene Erfahrungen anknüpfen – insbesondere aus Praktika, Nebenjobs oder Ausbildungskontexten. Das hat die Diskussionen insgesamt sehr lebendig gemacht und gleichzeitig dafür gesorgt, dass abstraktere Begriffe wie „Macht“ oder „Gerechtigkeit“ konkret verhandelt werden konnten. Gleichzeitig zeigte sich aber auch eine recht große Spannbreite an Vorerfahrungen und Vorwissen. Während einige Teilnehmende bereits eine gewisse Sensibilität für Diskriminierungsthemen mitbrachten, war das für andere deutlich weniger präsent. Das hat an einigen Stellen eine stärkere Moderation und Übersetzungsleistung erfordert, um gemeinsame Verständigungsgrundlagen herzustellen, ohne die Komplexität der Themen zu stark zu reduzieren.

Die Einheiten zu Privilegien und struktureller Ungleichheit wurden teilweise als herausfordernd erlebt – sowohl kognitiv als auch emotional. In der Auswertung wurde jedoch mehrfach rückgemeldet, dass gerade diese Irritationen produktiv waren, weil sie eigene Positionierungen sichtbarer gemacht haben.Besonders tragfähig waren die handlungsorientierten Phasen, vor allem die Arbeit mit Dilemmata. Hier wurde sehr deutlich, dass es im Arbeitsalltag oft keine eindeutigen „richtigen“ Entscheidungen gibt, sondern dass Handeln immer auch mit Risiken, Unsicherheiten und Abwägungsprozessen verbunden ist. Viele Teilnehmende konnten daraus konkrete Ansatzpunkte für ihr eigenes Verhalten ableiten. Insgesamt lässt sich festhalten, dass das Seminar dazu beigetragen hat, ein differenzierteres Verständnis von Arbeitswelt zu entwickeln und erste eigene Handlungsperspektiven zu eröffnen.

Das Besondere 

Der Modellcharakter des Seminars liegt vor allem in der konsequenten Verknüpfung von Politischer Bildung mit der Erfahrungswelt „Arbeitswelt“. Politische Bildung wird hier nicht als abstraktes Themenfeld behandelt, sondern an einem Bereich angesetzt, der für die Teilnehmenden unmittelbar relevant ist und in dem sie bereits eigene Erfahrungen sammeln.

Auffällig ist dabei die Verschränkung verschiedener Ebenen: Wissensvermittlung (z. B. zu Begriffen wie Diskriminierung oder Privilegien), individuelle und kollektive Reflexion sowie handlungsorientierte Elemente greifen ineinander. Dadurch entsteht kein linearer Lernprozess, sondern eher ein mehrperspektivischer Zugang, der unterschiedliche Zugänge ermöglicht.

Ein weiterer zentraler Punkt ist der Umgang mit Handlungsperspektiven: Mit dem Konzept des „Allyship“ wird zwar ein Orientierungsangebot gemacht, gleichzeitig werden aber auch Ambivalenzen, Risiken und Grenzen thematisiert. Das verhindert eine verkürzte „Handlungsaufforderung“ und eröffnet stattdessen einen Raum, in dem Unsicherheiten mitgedacht werden können.

In diesem Sinne kann das Seminar als Modell für eine Politische Jugendbildung verstanden werden, die weder rein wissensorientiert noch ausschließlich aktivistisch ausgerichtet ist, sondern versucht, Reflexion und Handlungsmöglichkeiten in ein produktives Verhältnis zu setzen.

Tipps für Teamende 

Für die Durchführung ist es zentral, zu Beginn ausreichend Zeit in die Herstellung einer arbeitsfähigen und vertrauensvollen Atmosphäre zu investieren. Gerade weil persönliche Erfahrungen und potenziell sensible Themen eine große Rolle spielen, braucht es einen klaren Rahmen und transparente Vereinbarungen.

In der inhaltlichen Arbeit hat es sich als hilfreich erwiesen, konsequent an den Erfahrungen der Teilnehmenden anzusetzen und von dort aus in abstraktere Begriffe überzuleiten. Dabei ist eine gewisse „Übersetzungsarbeit“ notwendig, um komplexe Konzepte zugänglich zu machen, ohne sie zu stark zu vereinfachen.

Gleichzeitig ist es wichtig, das Seminar selbst als möglichen Raum von (Re-)Produktion von Ungleichheiten mitzudenken. Bestimmte Methoden oder Dynamiken – etwa wenn persönliche Erfahrungen geteilt werden oder Positionierungen sichtbar werden – können unbeabsichtigt dazu führen, dass Stereotype reproduziert oder einzelne Teilnehmende exponiert werden. Hier braucht es eine hohe Sensibilität in der Moderation sowie eine bewusste Auswahl und Anpassung der Methoden, um solche Effekte möglichst zu vermeiden bzw. aufzufangen.

Bei reflexiven Methoden – insbesondere im Kontext von Privilegien – ist eine sorgfältige Moderation entscheidend. Wichtig ist hier vor allem die Auswertung: Erst in der gemeinsamen Reflexion können individuelle Eindrücke eingeordnet und in einen größeren Zusammenhang gestellt werden.

Für die handlungsorientierten Phasen empfiehlt es sich, mit offenen, realitätsnahen Dilemmata zu arbeiten, die keine einfachen Lösungen nahelegen. So wird eher ein Raum für Abwägung und Positionierung eröffnet als für vorschnelle Antworten.

Nicht zuletzt sollte das Thema Selbstschutz bewusst integriert werden. Die Auseinandersetzung mit Handlungsmöglichkeiten kann schnell in eine implizite Erwartung von „Handeln müssen“ kippen – hier ist es wichtig, auch Grenzen, Risiken und legitime Gründe für Nicht-Handeln zu thematisieren.

Der Transfer am Ende sollte möglichst konkret gestaltet werden, sodass die Teilnehmenden nicht nur abstrakte Einsichten mitnehmen, sondern anschlussfähige Ideen für ihren eigenen Alltag entwickeln können.

Material zum Download

Download Ablaufplan>>

Kontaktinformationen

Das Seminar wurde von den Politischen Bildnerin Cristina Ruvio konzipiert und durchgeführt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

 

Über die Seminarkonzepte

Schwerpunktthema 2025/2026: Demokratisch handeln in der Arbeitswelt

Wie können junge Menschen Demokratie in der Arbeitswelt erleben, verstehen und mitgestalten? Diese Frage steht im Mittelpunkt des Schwerpunktthemas „Demokratisch handeln in der Arbeitswelt“, das 2025/2026 im Rahmen der Politischen Jugendbildung im Kinder- und Jugendplan (KJP) bei Arbeit und Leben bearbeitet wird.

Die Landesorganisationen von Arbeit und Leben entwickeln dazu modellhafte und experimentelle Seminarkonzepte. Sie erproben neue Zugänge, Methoden und Formate, reflektieren ihre Erfahrungen im kollegialen Austausch und entwickeln die Ansätze weiter.

Die Blogbeiträge dokumentieren diese Konzepte und Erfahrungen. Sie machen Lernprozesse sichtbar und geben Impulse für die Praxis der politischen Jugendbildung.

Förderung: Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) im Rahmen des Kinder- und Jugendplans (KJP) 


Keywords/Tags:

Home