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Aus Utopie wird Wirklichkeit?! Gendergerechtigkeit in der Arbeitswelt 2050

Vor 30 Jahren, im Jahr 2020, fand die Care-Revolution[1] statt. Die Arbeitswelt in Deutschland stand zu dieser Zeit vor durchgreifenden Veränderungen. Der Staat forderte von den Bürgerinnen und Bürgern mehr Eigenverantwortlichkeit, Unternehmen forderten von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nahezu unbegrenzte Mobilität und Flexibilität, moderne digital-basierte Technologien machten aus einer Industrie- eine Wissensgesellschaft. Große Teile der Bevölkerung waren stark angepasst, stressgeplagt, verunsichert und litten unter der zunehmenden Konkurrenz. Das Familien-Ernährer-Modell hatte ausgedient, die Pflege war in der Krise, Work-Life-Balance eher Theorie als Praxis.


Die Mehrheit der Arbeitsgesellschaft solidarisierte sich in der Care-Bewegung. Sie sollte Synonym für die neue Arbeitswelt mit einem geschlechtergerechten Wertesystem werden. Aus Utopie wurde Wirklichkeit: Heute, im Jahr 2050, leben wir in einer Welt, in der Sorge - und Erwerbsarbeiten gleichermaßen von Männern und Frauen ausgeführt wird – und die Ungerechtigkeit bei der Entlohnung Vergangenheit ist. Heute Selbstverständlichkeit – in den 20ger Jahren hart erkämpft.

Im Mai 2050 lud ARBEIT UND LEBEN zum Seminar „Ein Traum wird wahr! Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Care-Revolution berichten“ ein. 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter von 18 bis 32 erhielten die Möglichkeit, am Seminar der politischen Jugendbildung teilzunehmen und sich dabei intensiv folgenden Fragen zu widmen: In welcher Welt leben wir heute? Wie sah die Welt unserer Eltern und Großeltern früher aus? In welcher Welt wollen wir leben? Welche Rolle spielt das Geschlecht dabei?

Die Jugendlichen trafen und interviewten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ihrer Eltern- und Großelterngeneration. Im Sinne der politischen Bildung wurde das Augenmerk auf die geschichtlichen und gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft gelegt. Ziel des Seminars war es, nicht nur rückblickend nachzuvollziehen, wie der Wandel der Arbeit gelang und von welchen Errungenschaften die Jugendlichen heute profitieren, sondern zu eruieren, wo es noch Formen von Benachteiligungen gibt und wie diese in der Demokratie des Jahres 2050 verbessert werden können.
Mithilfe dieses Vorgehens konnten den jungen Menschen alte und neue demokratische Wege aufgezeigt werden, also die wichtigen Impulse und Ideen, wie jeder Mensch an der Gesellschaft teilhaben kann, welche Möglichkeiten der aktiven Veränderung er hat und wie sie sich selbst engagieren kann.

Als Basis erarbeitete das Jugendseminar in einem ersten Edu-PLog[2] die Frage, wie die Menschen vor der Care-Revolution lebten und arbeiteten und was die Gründe für die Care-Revolution waren? Im Edu-PLog „Revolution Gleichstellung von Mann und Frau“ ging es darum herauszufinden, was es 2020 für die Menschen der Generation Y[3] bedeutete, ein Mann oder eine Frau zu sein, im Hinblick auf die Arbeit und das Alltagsleben der Menschen. Dazu lud das Seminar die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen Stefanie K. (70) und Thomas L. (68) ein, einen Einblick in ihren Work-Life-Load[4] und ihre persönliche Sicht auf die Care-Bewegung zu geben. Im Edu-Plug Freeze[5] hatten die Jugendlichen zuvor gemeinsam Fragen entwickelt. Im Seminar näherten sie sich zunächst der damaligen Gleichstellungspolitik und Gendergerechtigkeit anhand von Quellen aus Büchern, originalen Gleichstellungsberichten und anderen Nachweisen, wie den archivierten Seiten des Internets bis 2020 an. Um ein besseres Gefühl für die Zeit im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts zu bekommen, nutzen sie lediglich die im Forscherraum, einem nachempfundenen klassischen Büroraum von 2020, des Museums für Care-Revolution bereitgestellten Medien aus der Vergangenheit. Aus den offenen, themenbezogenen Fragen kreierten die Teilnehmenden einen Interviewleitfaden.
Hier einige Ausschnitte aus einem durchgeführten Zeitzeugengespräch mit Millennials zum Themenkomplex Care-Revolution und „Gleichstellung“ (=altdeutsch für Yeahequality), vom 5.5.2050 im Comicnet-Boot Wuppertal.
Die jugendlichen Interviewerinnen und Interviewer sind: Orion H., Hawai Ü. und Maris M..

Gespräche von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in der politischen Jugendbildung 

Interviewerin Maris M. (20): 2017 erschien der Zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. Können Sie sich daran erinnern? Kurz darauf begann die Care-Revolution. In der damaligen Pressemitteilung zum Erscheinen des Berichtes hieß es „52,4 Prozent Gender Care Gap – Gleichstellung von Frauen und Männern noch nicht erreicht“.

Zeitzeugin Stefanie K. (70): Ja natürlich, das ist unvorstellbar für eure Generation heute, nicht wahr? Gleichstellung ist wichtig für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, stand auch drin. Und ja, das musste man damals noch erklären, diskutieren, fordern und dafür kämpfen.

Interviewer Orion H. (23): Als wir am Anfang des Seminars ein WeBrainstorming[7] machten, war klar: Männer und Frauen haben mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Seit der Care-Revolution liegt kein Fokus mehr auf dem Geschlecht. In der Quellenarbeit fragten wir uns, warum hatten Sie nicht schon damals die gleichen Risiken und Chancen, wenn es um Pension, Care, Pay, Lifetime Earnings, Time[8] ging? Vor allem für die die Gleichstellung und Verwirklichung der Frauen?

Zeitzeugin Stefanie K. (70): Ihr könnt euch das vielleicht heute nicht mehr vorstellen, aber als ich aus der Schule kam, wurde mit Angela Merkel erstmalig eine Frau Bundeskanzlerin; der Bundeskanzler zu Zeiten der Care-Revolution war zwar ein Mann, aber seine politische Karriere wurzelte in der Care-Revolution-Bewegung. Zu Zeiten Merkels diskutierten wir noch die Frauenquote, die Herdprämie, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und es wurde vielerorts das (Familien-)Ernährermodell gelebt. Zudem war es normal, dass 2017 immer noch eine große Gender-Pay-Gap klaffte und Care-Arbeit vorwiegend in Frauenhand und unbezahlt war. Hinzu kam, dass diejenigen, welche sich entschieden in Teilzeitmodellen zu arbeiten und/oder Sorgearbeit zu leisten, systematisch benachteiligt wurden. Denn das Ergebnis der privaten, entgeltfreien Sorgearbeit waren zumeist Risiken im weiteren Lebensverlauf, wie z.B. verminderte Aufstiegschancen, reduzierte Einkommen, geringere Renten, weniger Verwirklichungschancen. Von dem damaligen Zustand der Pflege an sich, den schlechten Arbeitsbedingungen, der schlechten Bezahlung und dem Fachkräftemangel ganz zu schweigen. Damals wurde suggeriert, dass die Zeit „Kind oder Karriere“ vorbei sei, aber das war sie noch lange nicht. Pflege von Angehörigen war fast noch reine Privatsache, oder man entschied sich, andere damit zu beauftragen und zu entlohnen.

Zeitzeuge Thomas L. (68): Ich habe damals Gender Studies studiert, als Mann. Das war eher ungewöhnlich, ein typisches Frauenfach, von meinen männlichen Freunden teils belächelt. Zu der Zeit machten die ersten Männer auch Elternzeit, und wenn, dann nur kurz, und es gab erst seit einigen Jahren Elterngeld, eine Art Vorgänger der Care-Einkommen. Stellen Sie sich vor: Noch nicht einmal die gleichgeschlechtliche Ehe war damals Gesetz, Patchwork-Familien ein gerade erst etablierter Begriff, rückständige Gesetze machten Transsexuellen das Leben schwer. All das wurde erst im Zuge der Care-Revolution geändert.

Interviewerin Maris M. (20): Wie kamen Sie zu den Gender Studies, was bewegte sie besonders beim Studieren? Und worum genau ging es bei den Gender Studies?

Zeitzeuge Thomas L. (68): Vorab, das Verstehen der Theorie fiel mir persönlich leicht. Es gab Sex und Gender. Mit Sex ist das biologische Geschlecht gemeint. Mit Gender sind die Erwartungen, Konventionen und Rollenzuschreibungen gemeint, die mit dem biologischen Geschlecht in einer Gesellschaft verbunden sind. Sex ist zwar das, was zuerst ins Auge fällt, aber Gender bestimmt, wie wir leben. Es erklärt, warum Frauen 2017 im Schnitt weniger verdienten als Männer, warum Frauen und Männer an verschiedenen Orten und Zeiten so unterschiedlich vertreten sind. Warum Frauen oft mehr Sorgearbeit, aber weniger Erwerbsarbeit als Männer verrichteten und vieles mehr.
Es war ja nicht unbedingt so, dass die Frauen die Benachteiligungen auch immer als solche empfanden, oder überhaupt sahen, z. B. die Macht der Männer bei der Besetzung von Führungsposten. Die Gender Studies betrachteten diesen Umstand genauer und entdeckten, dass dies nicht unabänderlich war. Hier setzten die Gender Studies an: Sie erinnerten an die Wahlfreiheit und appellierten an die Verantwortung des Einzelnen und forderten ihn auf, bewusster, rücksichtsvoller und mitmenschlicher im Umgang mit anderen zu sein.

Interviewer Hawai Ü. (21): Worum ging es bei der Care-Bewegung aus ihrer Sicht? In den Geschichtsbüchern ist immer die Rede von Gleichstellung?

Zeitzeuge Thomas L. (68): Für mich ging es vor allem um ein Bewusstsein für die ungleichen Chancen für Männer und Frauen auf dem Arbeitsmarkt. Dazu die ungleiche Verteilung häuslicher Aufgaben, der gemeinsame Kampf politischer Verankerung der Gleichstellung, Abschaffung institutionalisierter und systematischer Benachteiligung von Frauen insgesamt. Man konnte das damals auch unter Gendergerechtigkeit zusammenfassen. In einer demokratischen und offenen Gesellschaft sollten alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, gleiche Rechte haben – ganz gleich ob Mann, Frau, Transsexuelle/r, Intersexuelle/r oder von der Norm abweichende/r Queer.

Zeitzeugin Stefanie K. (70): Die Frauen und Männer und gerade aufgezählten Menschen haben irgendwann verstanden, dass auch sie von der Gleichstellung der Frau profitieren. Damit wurde es ein Thema für alle. Alle Menschen sollten Erwerbs- und Sorgearbeit ohne Überforderung ausüben können. Die gleiche Teilhabe am Erwerbsleben war und bleibt für alle Menschen maßgeblich für die wirtschaftliche Eigenständigkeit. Und auch die Unternehmen erkannten, dass sie von zufriedenen Mitarbeitenden, die flexibel und ohne Überforderung produktiv arbeiten können, profitierten. Dazu mussten sie notwendigerweise einen, an die Lebensumstände der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angepassten, diskriminierungsfreien Arbeitsort schaffen.

Interviewer Orion H. (23): Welche Rolle spielte dabei das, was damals „Digitalisierung“ genannt wurde?

Zeitzeuge Thomas L. (68): Ja, hinzu kam das Bedürfnis, die technischen Fortschritte hinsichtlich Arbeit 2.0, 4.0 bis, wie weit sind wir heute eigentlich, 18.0? in die Gestaltung der Arbeit einzubeziehen. Es gab zwar hier und da schon mal flexible Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten und Homeoffice. Aber das war nur einigen wenigen vorbehalten und oft eher Wunsch als gelebte Praxis. In der Digitalisierung erkannte die Care-Bewegung jedoch ein wirkmächtiges Instrument, um mehr Gleichstellung umzusetzen und die Arbeit insgesamt nachhaltig zu verändern. Und der Protest formierte und organisierte sich natürlich auch über die digitalen Medien.

Zeitzeugin Stefanie K. (70): Die Entkoppelung der Arbeit von konkreten Orten ermöglichte eine neue Balance zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit. Neue Konzepte von Arbeit, ein ganzes neues Denken darüber musste her und das verdanken wir der Care-Revolution.

Interviewer Orion H. (23): Kleine Rückfrage: Mussten Sie früher wirklich jeden Tag in ein Büro fahren? Warum?

Zeitzeugin Stefanie K. (70): Für mich war es normal, dass meine Eltern früh das Haus verließen und erst spät nach Hause kamen. Hinterfragt habe ich das erst bei meinem eigenen Berufseinstieg. Ich kam von Anfang an als Selbständige ohne Büro aus, war wohl Teil von der Community, die man damals als „Digital Bohème“  bezeichnete. Ich richtete mich jedoch in einem Co-Working-Space ein, also gemeinsam genutzten Büroräumen, wegen der billigen Miete, dem kreativen Austausch, dem Aufbau meines beruflichen Netzwerkes und dessen Pflege. Für damalige Zeiten war das neu und die Rahmenbedingungen kaum vergleichbar mit denen in einem festen Angestelltenverhältnis mit 40-Stundenpräsenz im Büro.

Zeitzeuge Thomas L. (68): Alte, starre Vorstellungen von der Arbeitswelt mussten in der Zeit erstmal aufgebrochen werden. Das gelang im Zuge der Digitalisierung der Arbeitswelt und der Care-Revolution jedoch rasant: Der technologische Umbruch verteilte Chancen, Zugangschancen und Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen und Männern neu. Das hatten wir uns zunutze gemacht. Um der Care-Revolution zum Durchbruch zu verhelfen, mussten alle Aktiven großes Engagement zeigen. Allen voran diejenigen, die schon Sorgearbeit verrichteten und dementsprechend knapp bei Kasse waren. Während alldem zogen wir unsere Kinder, also eure Eltern, groß und pflegten Angehörige. Wir nahmen sie einfach überall mit hin und schafften Orte, die nicht nur kindgerecht oder altersgerecht waren, sondern für alle Menschen. Davon profitierten insbesondere die Alten und Schwachen. Es war für uns die Zeit finanzieller Nöte, emotionalem Ballast, schlechtem Gewissen und körperlichem Verschleiß. Eine Herausforderung für alle Beteiligten, aber es hat sich gelohnt! Außerdem bekamen die Gewerkschaften wieder regen Zuwachs und mit ihrer Hilfe konnten wir rechnen.

Interviewer Hawai Ü. (21): Warum denken Sie, haben erst alle Menschen mitgemacht und dabei das benachteiligende System solange mitgetragen? Und was hat sich dann geändert, so dass die Care-Revolution möglich wurde?

Zeitzeugin Stefanie K. (70): Es war relativ schnell nicht mehr nur eine Bewegung für und von Frauen, sondern die Rollenbilder, die Wertvorstellungen der Generation Y änderten sich rasant. Alte Rollenzuteilungen wurden aufgebrochen. Weg von klassischen Aufteilungen, in denen Frauen und Männer den Klischeevorstellungen folgten. Männer erkannten, dass sie selbst ohne Gesichtsverlust den Bürostuhl gegen eine sorgetragende Tätigkeit tauschen konnten. Es wurde einfach nicht mehr in so engen Kategorien gedacht und somit waren diese Themen auch für immer mehr Leute von Interesse, mit anderen Worten: die Care-Bewegung wuchs stetig, was ihr den nötigen Boom&Bäm[9] verlieh.

Interviewer Hawai Ü. (21): Was ist Ihre flavoury[10] Erinnerung an die Care-Revolution?

Zeitzeuge Thomas L. (68): Unser Protest gegen zu wenig Kitaplätze und schlechte Pflege vorm Bundestag 2020. Damals fehlte es an Betreuungs- und Pflegeinfrastrukturen. Wir schafften es irgendwann ins Gebäude und besetzten dieses für mehrere Wochen. Wir zogen einfach ein, mit allem Drum und Dran. Wir legten dort für einige Wochen alles zusammen: Protest, Dialog mit der Politik, Raum und Zeit für Sorgearbeit, unsere MobArbeit[11], es war immer Essen und Trinken und eine helfende Hand da. Man hätte die Welt da draußen fast vergessen können, wäre sie nicht der Grund für das Drinnen gewesen. Die medizinische Versorgung machte es uns aber langfristig doch zu schwer und wir zogen freiwillig wieder aus.

Zeitzeugin Stefanie K. (70): Mich faszinierte an den Entwicklungen hin zur Care-Revolution vor allem die Digitalisierung, die Globalisierung und die Demografie. Das waren alles ziemlich negativ besetzte Begriffe. Die Bewegung erkannte hierin allerdings weniger drohende Gefahren, sondern eher den Moment, die Arbeit völlig neu zu denken. Der kulturelle und gesellschaftliche Wandel, welcher sich daran anschloss brachte neue, weniger diskriminierende, rassistische und ausschließende Arbeitsformen hervor. Ein Zugewinn für alle. Denn auch die Unternehmen hatten irgendwann begriffen, dass zufriedene Arbeitnehmer/innen die beste Grundlage für einen gesunden, effektiven und wirtschaftlich prosperierenden Betrieb sind. Unsere Utopie war damals: Wenn wir nicht mehr so viel Stress mit der Arbeit und dem Versuch Erwerbsarbeit und Sorgearbeit unter einen Hut zu bekommen, arbeiten alle weniger und verdienen doch ausreichend. Und dafür musste eine Grundsicherung für alle her, was die Care-Bewegung geschafft hat.

Interviewerin Maris M. (20): Und was läuft heute aus Ihrer Sicht falsch? Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?

Zeitzeugin Stefanie K. (70): Die totale Entgrenzung, wenn es um Arbeitszeiten bei MobArbeit geht. Viele Leute, die ich kenne, werden zwar nicht mehr von ihren Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern ausgebeutet, tun es aber selbst, obwohl es vordergründig keinen äußeren Zwang gibt. Das wird die Hausaufgabe eurer Generation. Ich habe nur eine Bitte, versucht dabei euch die Errungenschaften der MobArbeit und unseres heutigen Sozialstaats zu erhalten und vergesst nicht, dass die Gleichberechtigung und Chancengleichheit nicht als selbstverständlich, sondern von Euren Groß- und Ureltern hart erkämpft ist. Deshalb sind gesetzliche, tarifliche und betriebliche Maßnahmen erforderlich, die MobArbeit so zu gewährleisten, dass die Gefahren der Entgrenzung von Arbeit gemindert werden. Eine alte Forderung, die schon in den Anfängen der Care-Bewegung ein großes Thema war.

Zeitzeuge Thomas L. (68): Was falsch läuft? Die Kontrollen, dass es wirklich so gerecht zugeht, wie wir hoffen und glauben, sind nicht streng genug. Das nutzen manche aus. Das liebe Geld regiert die Welt immer noch. Und viele Menschen treffen ihre Entscheidungen immer noch fast ausschließlich nach finanziellen Prämissen, obwohl Care-Arbeit mittlerweile ein hohes Ansehen genießt. Die Wohn- Arbeits- und Lebensräume sind zwar schon modernisiert, im Sinne aller Menschen und ihrer Bedürfnisse, barrierefrei, wie das damals so schön hieß, aber die Kosten dafür tragen immer noch die Menschen mit den geringsten Einkommen. Ich wünsche mir, dass ihr aus der Care-Revolution mitnehmt, dass es immer einen guten demokratischen Weg zur Veränderung gibt. Und am besten fängt man immer bei sich selbst an.

Ein Fazit: Für dieses historisch-politische Jugendseminar erwiesen sich die Gespräche mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen als sehr bedeutsam und wirksam im Vergleich zu anderen methodisch-didaktischen Formaten der historisch-politischen Bildung. Insbesondere wurde die empathische Annäherung an das historische Geschehen für die Lernenden erreicht, die sich mit kognitiv anspruchsvollen Erschließungswegen wie Museen oder Lehrbuchtexten schwertaten. Als Vorteil erwies sich, die Gespräche bereits in der ersten Hälfte der Seminarwoche durchzuführen, so dass die Lerneffekte in der Folgezeit genutzt werden konnten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle Involvierten für das historische Lernen bedeutsamer Kompetenzen im Zeitzeugengespräch gestärkt wurden. Dabei konnte nicht nur die historische Sachkompetenz (Zusammenhang des Schicksals von Menschen mit der „Großen Politik“), sondern durch das Erstellen von Fragenkatalogen an die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auch die Fragekompetenz aufgebaut werden. Die Auswertung der Gespräche erbrachte einen Zugewinn an Methodenkompetenz und historischer Orientierungskompetenz. Nach dem Motto „Erinnern für die Zukunft“ konnten die Teilnehmenden das Heute, Hier und Jetzt diskutieren sowie Wünsche, Machbarkeiten, Chancen und Herausforderungen für die Zukunft erörtern.
Über die Definition des Bundesfamilienministeriums zu Gender Mainstreaming Anfang des 21. Jahrhunderts schütteln die Jugendlichen nur die Köpfe. „Gender Mainstreaming“ bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.

 

[1] Care-Revolution bezeichnet die große gesellschafts-historische Bewegung der 20ger Jahre des 21. Jahrhunderts, welche die Arbeitsgesellschaft zu einer geschlechtergerechten Gesellschaft verändert, in der alle Erwerbs-und Jugendarbeit wahrnehmen, ohne den einzelnen zu überfordern und/oder zu benachteiligen.

[2] Edu-PLog[2] = neudeutsch für Bildungsbaustein

[3] Die im Zeitraum von etwa 1980 bis 2000 geborene Generation. Je nach Quelle wird diese Generation auch als Millennials (zu deutsch etwa die Jahrtausender) bezeichnet

[4] Work-Life-Load = englisch für die Summe an Sorge- und Erwerbsarbeit im Verhältnis zur Lebenszeit

[5] Edu-Plug Freeze = neudeutsch für die Methode „Fragen entwickeln“

 

[7] WeBrainstorming ist eine 2045 von ARBEIT UND LEBEN im Rahmen der politischen Bildung weiterentwickelte Form des Brainstormings, das Brain (Gehirn) und Web (Internet) verbindet

[8] „Gender Pay Gap“ zeigt die Entgeltlücke in den Bruttostundenlöhnen zwischen Frauen und Männern;

„Gender Lifetime Earnings Gap“ zeigt den Unterschied des Gesamterwerbseinkommens im Lebensverlauf von Männern und Frauen; „Gender Pension Gap“ beziffert den Unterschied in den eigenen Alterssicherungsleistungen; „Gender Time Gap“ zeigt die Unterschiede bei der Erwerbsarbeitszeit

[9] Boom&Bäm = neudeutsch für Kraft verleihen, Wortschöpfung um das Jahr 2030

[10] Flavoury = neudeutsch für allerliebstes, Wortschöpfung um das Jahr 2042

[11] MobArbeit = neudeutsch für flexibles und mobiles Arbeiten, Wortschöpfung um das Jahr 2020 herum

 

Dieser Text ist dem Jahrbuch 2017/2018: Gute Arbeit für morgen (er-)finden entnommen.