Der Hass und der Drachenlord: And the haters gonna hate

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Kommentar: "And the haters gonna hate, hate, hate, hate, hate" - diese Zeile aus dem Taylor Swift Song „Shake it off“ lautet in der freien Übersetzung etwa „Lass die Leute reden“ bzw. „Lass deine Gegner doch einfach weiter hassen“. Oft ist das leichter gesagt als getan. Einer, der den Hass bislang nicht abschütteln konnte, ist Rainer W., alias der Youtuber "Drachenlord", Deutschlands wohl bekanntestes Mobbingopfer (Süddeutsche.de).

Vor zwei Wochen wurde er zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt. In mehreren Fällen hatte er seine Peiniger*innen physisch attackiert und Polizist*innen beleidigt.

Hass getarnt als „Spiel“

Rainer W. streamt Videos live oder nimmt Videos von sich selbst auf und stellt sie auf Youtube ein. Er zeigt sich beim Headbangen oder Computerspielen, erzählt aus seinem Leben. Videos, wie sie viele User*innen ins Netz stellen. W., der 2011 seinen Kanal startete, schien schnell bei seinen Zuschauer*innen etwas auszulösen. Sie machten sich lustig über sein Aussehen, seinen fränkischen Dialekt. Sie fingen an ihn zu beschimpfen und zu mobben. Die Quälerei hatte Methode, denn sie fanden heraus, dass sich W. leicht reizen ließ. W. reagierte darauf teils mit drastischen, teils auch grenzüberschreitenden, Kommentaren.

Die Situation eskaliert schnell. Seine Hater*innen erfinden im Laufe der Zeit ein „Spiel“. Sie nennen es das „Drachengame“. Ein sehr perfides Framing für Hass und Hetze. Das Ziel des „Spiels“ ist es, kurz gesagt, Rainer W. fertig zu machen. Ihn zu einer Reaktion anzustacheln, ihn ins Gefängnis zu bringen, manche erklären auch offen, dass sie ihn in den Suizid treiben wollen.

Die Hetze findet nicht nur im Netz statt, wo sich hunderttausende Beleidigungen und Drohungen und ganze Websites gegen ihn finden, sondern auch im analogen Leben. Vor seinem Haus, in seinem Wohnort. Die Hater*innen randalieren vor seinem Haus, schänden das Grab seines Vaters, lassen Ware an seine Adresse liefern. Fast täglich finden sich aggressive Gruppen vor dem Haus von W. wieder, schreien, provozieren, versuchen ihn aus dem Haus zu locken. Aufnahmen des „Spiels“ werden ins Netz gestellt. An manchen Tagen kommen hunderte Menschen in das kleine Dorf, das ebenfalls unter dieser Situation leidet. Und W. reagiert. Oft kommt er aus dem Haus und schreit seine Peiniger*innen an. Einige der Reaktionen gipfeln in tätlichen Übergriffen und Beleidigungen, für die Rainer W. später verurteilt wird.

Herausforderungen für die Politische Bildung

Beklemmend an dieser Situation ist nicht nur das Ausmaß des Hasses, verstörend ist auch, dass die Hater*innen oftmals keinerlei Unrechtsbewusstsein zu haben scheinen. Vielmehr vertreten sie scheinbar die Ansicht, einer gerechten Sache zu dienen. Rainer W. habe es nicht anders verdient. Victim blaming in Reinform.

Viele Medien beschäftigen sich hinsichtlich des dargelegten Falls mit der Frage, wie sich der Hass immer weiter hochschaukelt, was ihn anstachelt und wie die Reaktionen darauf ausfallen, wie viel Mitschuld W. an der Situation trägt. Für die Politische Bildung eröffnen sich aus meiner Sicht jedoch vor allem folgende Fragen und Themenfelder: Wie kann für das Thema Hass im Netz sensibilisiert werden? Was kann getan werden, damit es gar nicht erst zu diesem Hass kommt? Wie dazu aufgeklärt werden, dass nur weil Gruppen lautstark und selbstgefällig eine Meinung vertreten, sie damit noch lange nicht im Recht sind? Und vor allem auch: Wie lässt sich Zivilcourage stärken, damit auch im Netz ein demokratisches Miteinander möglich wird?

Der Fall Rainer W. hat sicherlich besonders extreme Ausprägungen angenommen, dennoch werden diese Fragen zunehmend dringlicher. Hass und Hetze im Netz sind kein Randphänomen. Die Landesanstalt für Medien NRW führt jährlich eine Umfrage zum Thema Hasskommentare im Internet durch. In der aktuellen Umfrage 2021Umfrage 2021 geben rund drei Viertel der Befragten an, schon einmal Hate Speech bzw. Hasskommentaren im Internet begegnet zu sein. Zum Vorjahr stieg dabei der Anteil derjenigen von 34 Prozent auf 39 Prozent, die Hasskommentare sehr häufig oder häufig wahrnahmen – ein neuer Höchstwert.

W. zog Anfang des Jahres aus seinem Dorf weg. Sein Haus wurde abgerissen. Um sich etwas aus der Schusslinie zu bringen, reist er herum. Für seine Hater der Startschuss für das „nächste Level“. Sie suchen ihn und finden ihn. Immer wieder. Der Hass lässt sich nicht so einfach abschütteln.

Gegen das Urteil in zweiter Instanz hat die Staatsanwaltschaft Revision eingelegt, wie die Anklagebehörde am Freitag mitteilte.


Politische Jugendbildung ist ein Angebot
der Jugendbildungsreferent*innen von
Arbeit und Leben DGB/VHS e.V.

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